Känguru-Alarm an der Staumauer bei Saalburg
Porträt
Direkt an den Wehrklappen der Hochwasser-Entlastungsanlage sieht ein Vattenfall-Mitarbeiter plötzlich ein Beuteltier umherspringen. Es beginnt eine abenteuerliche Jagd. Mit Hilfe der Schleizer Feuerwehr endet die Safari erfolgreich.
Gräfenwarth. Ralf Junker befindet sich auf einer üblichen Begehung der Anlagen an der Staumauer, als der Vattenfall-Mitarbeiter gegen 14.30 Uhr plötzlich seinen Augen nicht traut. Im Schatten der riesigen Wehrklappen, die die Kanäle der Hochwasser-Entlastungsanlage verschließen, sieht er ein Känguru umherspringen. Natürlich sind die letzten Tage recht heiß gewesen. Aber haben wir deshalb gleich australische Verhältnisse?
"Als ich meinen Kollegen zurief, dass hier ein Känguru sitzt, haben die zuerst zurückgefragt, was ich getrunken hätte", beschreibt der Elektromeister sein zunächst vergebliches Bemühen, ernst genommen zu werden. Doch er hat Glück, denn das Tier nimmt nicht Reißaus. Und so sehen auch die Kollegen, was eigentlich unmöglich ist: einen Vertreter der Beuteltierordnung Diprotodontia mitten in Thüringen!
Auch bei der Polizei glaubt man natürlich zuerst an einen sommerlichen Scherz, als die Meldung vom freilaufenden Känguru ankommt. Es wird eine Streife losgeschickt. Natürlich nicht, um die Waffe anzulegen, sondern um nach Wegen zu suchen, wie das Tier artgerecht unterkommen könnte. Zudem wird recherchiert, wo das Tier möglicherweise ausgerissen sein könnte. "Einen Zirkus hatten wir an den letzten Tagen nicht hier und ein Tierpark ist auch nicht in der Nähe", grübelt einer der Beamten.
Unterdessen wird auch der Amtstierarzt für den Saale-Orla-Kreis verständigt. Lutz-Peter Klendauer ist wenig später vor Ort und soll Entscheidungen treffen. Ein Betäubungsmittel, das mit Waffe oder Blasrohr abgeschossen werden könnte, gehört nicht zur üblichen Ausrüstung. Also bleibt nur, das Känguru einzufangen. Irgendwie. Gemeinsam mit Ralf Junker begibt sich der Amtstierarzt hinab in die 20 Meter tiefe Rinne, die von steilen Felshängen eingegrenzt ist.
Doch dem Känguru wird das inzwischen zu bunt. Es springt munter drauf los in Richtung Burgkhammer. Es sind vielleicht 150 Meter, die bleiben, dann kommt ein Steilhang. Ganz vorsichtig tasten sich Ralf Junker und Lutz-Peter Klendauer seitlich an dem Tier vorbei, das immer wieder in den dichten Büschen kauert und die Lage beobachtet. "Es scheint recht zahm zu sein", meint der Amtstierarzt. "Aber normalerweise fange ich nicht jeden Tag Kängurus." Daher trifft er die Entscheidung, die Schleizer Feuerwehr zur Hilfe zu rufen. Zudem sind inzwischen Mitarbeiter des Tiergeheges der Stadt Zeulenroda unterwegs, wo das Tier unterkommen könnte.
Inzwischen geht die Meldung vom Känguru an der Saale durch die Rundfunknachrichten und wird von Frank Bachmann aus Schleiz aufgeschnappt. Der 33-Jährige wird sofort hellhörig. Denn seit dem Morgen ist er mit Danny Säwert, dem Inhaber der Holzkneipe "Woodys" bei Schleiz, durch die Wälder gestreift, um nach einem Känguru zu suchen. "Ich habe das Tier erst seit drei Tagen bei mir im Streichelzoo", berichtet Danny Säwert, als er gegen 18 Uhr mit Brot und einem Karton an der Staumauer eintrifft. "Bei dem Unwetter heute Nacht fiel ein Ast auf den Zaun und da ist das Känguru ausgebüxt." Gegen 8 Uhr habe er das Dilemma bemerkt und sich sofort auf die Suche gemacht. "Wir sind bestimmt fünf Kilometer durch die Wälder gelaufen."
Mindestens zehn Kilometer hatte immerhin das Känguru bis zur Staumauer zurückgelegt. Dank eines inzwischen von der Feuerwehr aufgespannten Netzes kann es nicht mehr zur Steilwand flüchten. Auch die Mitarbeiter des Zeulenrodaer Tiergeheges sind inzwischen eingetroffen und gemeinsam wird der Ausreißer überwältigt. In eine Decke gehüllt, kommt das Känguru schließlich in eine massive Kiste und wird mit der Feuerwehrleiter nach oben gehievt.
"Wir haben ja schon viel erlebt, aber ein Känguru gabs in der 80-jährigen Geschichte der Staumauer hier noch nicht", lachen die Vattenfall-Mitarbeiter.
Das am Mittwoch entlaufene Känguru ist wieder in seinem neuen Zuhause und bleibt vorerst einige Tage im Stall. Im Nachhinein sprechen die Beteiligten von einer gelungenen Einfangaktion, die sie nicht so schnell vergessen werden.
Schleiz. Nach seiner Flucht von seinem neuen Zuhause am Mittwoch stand Jack das Känguru noch im großen Rampenlicht, nun muss er für einige Tage mit dem eher dunklen Stall vorliebnehmen. Nachdem ihm ein auf den Zaun gefallener Ast den Weg in die Freiheit gebahnt hatte, floh das Zwergkänguru, wie einst sein Artverwandter im Film "Kangaroo Jack", aus seinem neuen Zuhause und sollte schließlich an der Staumauer eingefangen werden. Nach diesem Abenteuerfilm hat Besitzer Danny Säwert seinem Tier auch den Namen gegeben ohne zu ahnen, dass es die erste Gelegenheit nutzt, es seinem Filmvorbild gleich zu tun.
Die Gemeinschaftsaktion von Polizei, Feuerwehr, Veterinäramt, Mitarbeitern des Tiergeheges Zeulenroda und Danny Säwert glückte und nun ist Jack zurück im "Woodys", wo er erst seit wenigen Tagen lebt.
"Es war eine außergewöhnliche Situation mit gutem Ende", resümierte Amtstierarzt Lutz-Peter Klendauer. Er lobte die gute Zusammenarbeit der Beteiligten und bezeichnete es zudem als glücklichen Umstand, dass er noch erreicht wurde, da der Anruf erst nach Ende der eigentlichen Amtszeit erfolgte. Er war es, der das Kommando hatte. Zunächst hätte auch die Möglichkeit bestanden einen Jäger anzufordern, was aber angesichts der Tatsache, dass das Tier an der Staumauer keinerlei Schaden anrichten konnte, keine echte Alternative war. Also galt es Jack einzufangen.
Damit erlebten auch die Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr Schleiz einen Einsatz, den sie "in der Form noch nicht erlebt" haben, wie Stadtbrandmeister Ronny Schuberth versicherte. Zwar habe man schon Hunde, Katzen, Vögel und Schlangen eingefangen, aber das sei etwas Neues gewesen. Neu war die Erfahrung auch für Danny Säwert, in dessen Streichelzoo sich Jack noch zurechtfinden muss. Während die anderen Tiere Schweine, Ziegen, Hasen und Hühner die Chance zur Flucht nicht ergriffen, büxte der Neuling aus und soll nun die nächsten drei Tage im Stall verbringen, um sich an sein Zuhause zu gewöhnen.
"Das Telefon hat den ganzen Tag geklingelt", untermauert Säwert den Rummel um den neuesten Bewohner seines Streichelzoos. Zudem seien auch schon mehrere Neugierige ins Industriegebiet Schleiz-Oschitz gekommen, um das ein dreiviertel Jahr alte Zwergkänguru zu besuchen allerdings hatten diese Pech. "Wer Jack besuchen will, sollte sich noch ein bis zwei Wochen gedulden", erklärt der Besitzer des Tieres. Zunächst soll er sich an sein neues Umfeld und seine neuen Besitzer gewöhnen. Kurzzeitig im Stall, dann wieder im Gehege zusammen mit den anderen Tieren. Danach könnten ihn die Besucher auch aus der Nähe begutachten.
Davon, dass Jack in Zukunft wieder für solche Schlagzeilen sorgen könnte, geht der Besitzer des "Woodys" nicht aus. Zwergkängurus gelten als relativ pflegeleicht und so sei es nur eine Frage der Zeit, bis es ihn nicht mehr von seinem Gehege wegziehe. Erworben hat Danny Säwert das Känguru übrigens bei einem Züchter aus Saalfeld. Die von Jack eingeschlagene Richtung war also gar nicht schlecht. Nur, dass doch noch einige Kilometer bis zur alten Heimat im Nachbarlandkreis zu überwinden gewesen wären.










