„Wir sind dran“: Polizei reagiert auf emotionalen Feuerwehr-Bericht nach tödlichem Unfall auf A9
S chleiz. Ein tragischer Unfall auf der A9 bei Schleiz hat am Sonntagabend kurz nach halb sieben einen 34-jährigen Mitfahrer das Leben gekostet. Der 35-jährige Fahrer wurde schwer verletzt mit dem Rettungshubschrauber ins Klinikum nach Jena gebracht.
Nach ersten Polizeierkenntnissen war der Unfallwagen – ein BMW mit Augsburger Kennzeichen – mit sehr hohem Tempo in Richtung Berlin unterwegs. In einer abschüssigen Linkskurve kam der Wagen von der Strecke ab und kollidierte mit einer die Fahrbahn säumenden Betonwand, um anschließend in eine Glas-Schallschutzwand einzuschlagen. Danach überschlug sich das Fahrzeug mehrfach und blieb auf dem Standstreifen quer zur Fahrtrichtung auf dem Dach liegen.
F orderung nach Tempobegrenzung
Laut Polizei wurde dabei der Mitfahrer aus dem Auto geschleudert. Der 34-Jährige wurde allerdings erst „nach Absuche der Unfallstelle“ auf dem Standstreifen der gegenüber liegenden Fahrbahn leblos entdeckt.
Die Autobahn musste komplett gesperrt werden. Der Sachschaden beläuft sich auf rund 140 000 Euro.
Mit einem ungewöhnlich emotionalen Bericht über Hergang und Bergung wandte sich gestern die Freiwillige Feuerwehr Schleiz an die Öffentlichkeit: „Wie oft haben wir schon seit rund zwölf Jahren vor dieser Unfallstelle gewarnt? Und nun? Ein Mensch musste sterben, ein weiterer wurde schwer verletzt“, heißt es in dem Schreiben.
Konkret fordert die Feuerwehr, dass die A9 „am Kilometer 225,5“ bei Schleiz zum Unfallschwerpunkt erklärt und die unbegrenzte Geschwindigkeit auf 130 Stundenkilometer heruntergesetzt wird. Doch trotz „unzähliger Appelle“ sei nichts geschehen. Das Problem: Zum Unfallschwerpunkt werden gewöhnlich Verkehrssituationen erklärt, die eine sehr hohe Unfallhäufigkeit aufweisen, wie Janet Krebs, Sprecherin der Thüringer Autobahnpolizei, erklärt. Doch das sei dort nicht der Fall. Wenn sich aber mal ein Unfall ereigne, dann seien diese sehr schwer. „Wir sind da dran“, betont Krebs. Es sei mit dem zuständigen Thüringer Landesamt für Bau und Verkehr – unabhängig vom aktuellen Unglücksfall – ein Vororttermin in den kommenden zwei Wochen vereinbart worden.
Die Schleizer Feuerwehrleute sehen dringenden Handlungsbedarf: Allein in den vergangenen sieben Wochen gab es dort vier Unfälle mit Verletzten und einem Toten.
Aber was macht die Unfallstelle so gefährlich? Laut Feuerwehr steuern die Fahrzeuge dort viel zu schnell in die Linkskurve, in der sich obendrein aufgrund einer Brücke der Fahrbahnuntergrund noch ändert. Sobald der Belag durch die Witterung leicht schmierig werde, sei die Stelle kreuzgefährlich.
In ihrem eindringlichen Bergungsbericht schildert die Feuerwehr das mögliche Unfallgeschehen vom Sonntag allerdings anders als die Polizei. Danach sei der verletzte Mitfahrer von Ersthelfern zunächst auf den „Schutzhang in Sicherheit gebracht worden“, dann aber in der unübersichtlichen Situation verschwunden. Bei der folgenden Suchaktion mit Wärmebildkamera sei schließlich sein Leichnam auf der entgegengesetzten Fahrbahn gefunden worden – rund 120 Meter vom Unfallort entfernt. Die Ausführungen der Polizei, das Opfer sei so weit aus dem Wagen herausgeschleudert worden, zweifelt die Schleizer Feuerwehr an. Den tatsächlichen Hergang müssen nun die Ermittlungen klären.
Zeugen melden sich bei der Autobahnpolizei unter Telefon (036601) 700
Nach tödlichem Unfall Feuerwehr fordert erneut 130 km/h für A9
Nach dem tödlichen Unfall auf der A9 am Sonntagabend hat die Staatsanwaltschaft Gera Spekulationen zum Unfallhergang zurückgewiesen. Dass das Unfallopfer zunächst gerettet und erst später von einem weiteren Wagen überfahren wurde, lasse sich anhand der Spurenlage "objektiv nicht nachvollziehen", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft MDR THÜRINGEN. Die Feuerwehr Schleiz forderte nach dem Unfall erneut, die Geschwindigkeit in diesem Streckenabschnitt auf 130 Kilometer pro Stunde zu begrenzen.
Zu dem Crash war es am Sonntag gegen 18:30 Uhr zwischen Dittersdorf und Triptis gekommen. Die Autobahn musste für mehrere Stunden gesperrt werden, der Feuerwehr bot sich ein kilometerlanges Trümmerfeld. Der Wagen war in eine Betonwand gerast, gegen eine Schallschutzwand aus Glas gekracht und nach mehreren Überschlägen auf dem Dach liegen geblieben – völlig zerstört.
Mit "mörderischer Geschwindigkeit" unterwegs
Für die Feuerwehr Schleiz gilt der Streckenabschnitt der A9 seit Jahren als "extrem gefährlich". Doch die Retter, die regelmäßig zu Einsätzen auf der A9 gerufen werden, forderten bisher vergeblich, die zulässige Höchstgeschwindigkeit an dieser Stelle zu begrenzen. Ein Sprecher der Feuerwehr sagte MDR THÜRINGEN, immer wieder komme es genau an dieser Stelle zu schweren Unfällen mit "extremem Trümmerfeld und außergewöhnlicher Dimension". Schon nach dem Ausbau der Strecke vor mehr als zehn Jahren habe sich der Abschnitt als Unfallschwerpunkt herauskristallisiert. Auch für die Retter sei die Arbeit "kreuzgefährlich".
Zwischenzeitlich hatte es an der Stelle ein stationäres aufklappbares Warnschild gegeben. Wenn die Feuerwehr ausrückte – was oft passierte – konnten Autofahrer darauf hingewiesen werden und somit langsam an die Unfallstelle heranfahren. Das Schild konnte als Eingeständnis der Behörden gewertet werden, dass es sich um eine Gefahrenstelle handelt. Nach Bauarbeiten einige Kilometer weiter wurde das Schild Ende 2013 zwar entfernt, das Risiko war jedoch keineswegs minimiert. Immer wieder forderten die Feuerwehrleute mehr Schutz, schließlich bekamen sie einen Anhänger für die Absicherung von Unfallstellen. Mehr passierte nicht. Der Grund: Als "Unfallschwerpunkt" wird ein Autobahnabschnitt nur dann deklariert, wenn dort besonders viele Unfälle passieren. Das ist laut Autobahnpolizei nicht der Fall.
Besonders tragisch: Erst vor drei Wochen hatten die Schleizer Retter erneut mit einem Brandbrief auf die Gefahrenstelle aufmerksam gemacht. Auf ihre Frage "Was muss denn noch passieren?" bekamen sie am Sonntagabend eine weitere Antwort. Es war nicht die, die sie erhofft hatten.
Unfallkommission gegen Tempobeschränkung auf A9 bei Schleiz
Gefahrenzeichen Linkskurve und Richtungstafeln sollen Kraftfahrer künftig vor Änderung des Streckenverlaufs warnen.
Schleiz. Die Schleizer Feuerwehr und zahlreiche Kommunalpolitiker konnten sich nicht mit ihrer Forderung nach einer Geschwindigkeitsreduzierung auf der Autobahn 9 bei Schleiz durchsetzen. Nach einem tödlichen Verkehrsunfall am 26. November in einer Kurve in Höhe Oschitz kam es am 7. Dezember zu einer außerordentlichen Tagung der für die Autobahnen des Freistaates Thüringen zuständigen Unfallkommission.
Im Ergebnis haben sich die Fachleute gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung ausgesprochen, sondern sich auf die Aufstellung des Gefahrenzeichens „Linkskurve“ in Kombination mit mehreren sogenannten „Kurventafeln“ (Zeichen 625 StVO) verständigt. Durch das Gefahrenzeichen werden die Verkehrsteilnehmer rechtzeitig vor dem sich ändernden Streckenverlauf, also Linkskurve am Ende einer Gefällestrecke gewarnt.
„Durch die Aufstellung der Kurventafeln wird den Verkehrsteilnehmern der Kurvenverlauf optisch angezeigt. Die Verkehrsteilnehmer können so ihr Fahrverhalten rechtzeitig, entsprechend den örtlichen Verhältnissen, anpassen. Vor dem Hintergrund, dass Gefahrenzeichen nur dort aufgestellt werden sollen, wo sich die Gefahr den Verkehrsteilnehmern trotz der im Verkehr gebotenen Sorgfalt nicht ohne Weiteres oder nicht rechtzeitig erschließt, wird die Aufstellung von Gefahrenzeichen auf den Autobahnen nur sehr restriktiv gehandhabt.
Die Erfahrung zeigt, dass durch die Aufstellung von Gefahrenzeichen ein der Gefahr entsprechendes Fahrverhalten bei den Verkehrsteilnehmern eintritt“, teilte Markus Brämer , Präsident des Thüringer Landesamtes für Bau und Verkehr, nun mit.
Auch die Begrenzung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit wurde als eine von mehreren möglichen Maßnahmen in Erwägung gezogen und deren Wirksamkeit zur Verbesserung der konkreten Unfallsituation diskutiert. „Im Ergebnis fiel die Entscheidung der Fachleute auf die Anordnung der Verkehrszeichenkombination Gefahrenzeichen mit Kurventafeln, auch um die Verkehrsteilnehmer nicht über das erforderliche Maß hinaus zu reglementieren“, so Brähmer. Anhand der Auswertungen wurden die Unfälle mit Personenschaden der vergangenen drei Jahre analysiert.
Seit dem sechsspurigen Ausbau der A9 gibt es zwischen Hirschberg und Dittersdorf keine Geschwindigkeitsbeschränkung mehr.







